Altkleidersammlungen: Ein Segen für Afrika?

“Altkleidersammlungen in Europa schaden der lokalen Wirtschaft in Afrika” lautet ein häufiger Vorwurf, der mir einst plausibel erschien, mich aber mehr und mehr an eine moderne Variante der Debatte um die Spinning Jenny erinnert. Da ich auch nach längerem Nachdenken noch überzeugt bin, dass das Bestehen von Altkleidersammlungen in Europa für den Afrikanischen Kontinent mehr Vorteile als Nachteile bringt, möchte ich meinen Gedankengang, der im Wesentlichen auf David Ricardos Überlegungen zum komparativen Kostenvorteil fußt, im folgenden darlegen. Für die Betrachtung wird hier angenommen, dass größerer persönlicher Wohlstand für möglichst viele Menschen ein erstrebenswertes Ziel darstellt. Es handelt sich hier um eine rein ökonomische Betrachtung, die nicht erörtert, ob eine Rückkehr in eine kältere Kultur mit verringertem Wohlstand als erstrebenswertes Ziel betrachtet werden kann.

Die von den Kritikern hervorgebrachte Argumentationskette ist relativ simpel und sehr gut mit der Argumentation gegen Rationalisierungsmaßnahmen aller Art vergleichbar: Beschäftigte verlieren ihre Anstellung, da sie für die Bereitstellung eines Produktes nicht mehr erforderlich sind. Da die einstigen Arbeitnehmer nun kein Geld mehr zur Verfügung haben, fallen sie auch als Konsument weg und ziehen so weitere Wirtschaftszweige in Mitleidenschaft. Die Industriellen oder Kleiderverkäufer verdienen weiterhin Geld, da die Ware ja weiterhin von den übrigen Konsumenten gekauft wird und verdienen sogar mehr, da die Lohnkosten drastisch reduziert bzw. abgeschafft werden konnten. Die Industriellen sind aber nicht gezwungen, das Geld auszugeben und fangen an, das Geld auf ihren Konten zu horten - die Vermögensungleichheit steigt.

Diese Darstellung ist so simpel wie unzutreffend, wie tausende historische Beispiele belegen. Seit beginn der Industrialisierung wurden unzählige neue Technologien und Rationalisierungsmaßnahmen eingeführt, die jeweils den Arbeitsbedarf gesenkt haben - und trotzdem ist Arbeitslosigkeit heute kein größeres Problem als in vergangenen Jahrhunderten.

Zunächst gehen wir davon aus, dass die Kleidung durch Hilfsorganisationen nach Afrika transportiert wird, wo sie in jedem Land einem einzelnen Händler kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Diese Annahme ist zwar unzutreffend, genügt aber für eine erste Folgenabschätzung und ist vor allem sehr leicht mit den Folgen von Industrialisierung der westlichen Welt vergleichbar.

Der Händler, der aus Europa gebrauchte Kleidung geschenkt bekommt, ist vergleichbar mit einem Unternehmer, der eine hochautomatisierte Kleiderproduktion in Afrika auf die Beine stellt. Beide würden den Markt regelrecht überrollen, da sie die Lohnkosten verglichen mit der Konkurrenz auf ein absolutes Minimum reduzieren konnten. Die Konkurrenz wird in beiden Fällen wohl nicht langfristig bestehen können und die Produktion schließen müssen - was die Entlassung aller Beschäftigten zur Folge hat. Die Beschäftigten haben zunächst das Nachsehen und stehen womöglich vor einem wirtschaftlichen Problem, alle anderen haben jedoch von der Veränderung profitiert. Jeder Konsument hat nämlich weniger Geld für das gleiche Produkt ausgegeben (sonst wären sie wohl bei dem lokalen Produkt geblieben). Das gesparte Geld kann für andere Produkte ausgegeben oder aber gespart werden. In jedem Fall steigt sowohl der Wohlstand (mehr Güter), als auch die finanzielle Reserve der Konsumenten. Die Arbeitskräfte, die ihre Beschäftigung in der Textilindustrie verloren haben, empfinden die Veränderung zunächst als Nachteil, profitieren aber selbst an anderer Stelle von Kostenreduktion durch Rationalisierung. Tausende historische Beispiele zeigen, dass durch den gesteigerten Konsum in anderen Branchen langfristig statistisch jeder Arbeitsplatz ersetzt werden kann. Das ganze erschiene auch recht logisch, wenn da nicht die Sache mit der Sparquote wäre. Dass ein Geldbetrag, der nun für ein anderes Produkt ausgegeben wird, bei dessen Produktion genau den Arbeiter bezahlen kann, der einst für die Produktion von Kleidung zuständig war, leuchtet ein. Was passiert jedoch mit dem Geld, das von den Konsumenten gespart wird und nicht direkt in den Konsum neuer Güter gesteckt wird? Obwohl es zunächst so aussieht, als könnte der Teil des gesparten Geldes, der von den Konsumenten nicht direkt wieder ausgegeben wird, nicht zur Schaffung neuer Arbeitsplätze beitragen, lässt sich auch dafür bei genauerem hinsehen ein Mechanismus finden. Steigt die Sparquote der Bevölkerung (ermöglicht durch reduzierte Lebenshaltungskosten), so wird dem Markt zunächst mehr Geld entzogen und bei den Bürgern deponiert. Der gesparte Betrag kann nun von den Banken in Form von Krediten in Umlauf gebracht werden und steht so für Investitionen zur Verfügung. Ein Geldüberschuss an dieser Stelle würde zudem die Zinssätze senken und Investitionen so zusätzlich erleichtern. Eine erleichterung von Investitionen führt in aller Regel dazu, dass auch direkt mehr investiert wird. Auch die Einkommen aus Zinsen (die es außerhalb Europas durchaus noch gibt) stehen nun für den Erwerb lokal produzierter Waren zur Verfügung. Idealerweise wird hier der arbeitsplatzvernichtende Effekt der Rationalisierung langfristig vollständig kompensiert - während der Zugewinn an Produktivität der Bevölkerung zur Verfügung steht. Genau dieser Mechanismus hat es der westlichen Welt ermöglicht, in kurzer Zeit enormen Wohlstand zu erlangen. Und genau dieser Mechanismus ist es, der in Afrika aus verschiedensten Gründen (Kriege, kommunistische Wirtschaftsstrukturen, Subventionen, Holländische Krankheit) noch nicht zum Zuge gekommen ist. Das Verschenken von Altkleidern in Afrika ist daher als Wohlstandsmotor und nicht als Hindernis zu betrachten.

Verkaufte und verschenkte Kleidung

Ein etwas anderes Bild ergibt sich, sobald die Kleidung aus Europa nach Afrika verkauft wird und trotzdem die afrikanische Textilindustrie durch geringere Preise in Mitleidenschaft zieht. Der Kleiderverkauf ist nun nicht mehr Äquivalent zu einem in Afrika befindlichen Kleiderherstellungsautomaten, der die Geldströme in den kleinen Volkswirtschaften lediglich umverteilt, sondern entzieht der kleinen Volkswirtschaft Geld, das ins Ausland geschafft wird (ein Geldbetrag in Höhe des Kaufpreises verschwindet nach Europa). Es besteht nun ein Außenhandelsdefizit, das die Währung des kleinen Staates belastet und nach unten treibt, was unterschiedliche Effekte haben kann. Zunächst verringert sich die Kaufkraft der Bürger, was alle importierten Güter verteuert und so einem unmittelbaren Wohlstandsverlust gleichkommt. Allerdings steigert sich gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit aller exportorientierten Branche im Land, was den Export begünstigt. Dieser Effekt ist als Gegenstück zur Holländischen Krankheit zu betrachten und kann so allen anderen Branchen zu einem Aufschwung verhelfen - sofern diese existieren. Zudem wird durch die Senkung der Kaufkraft gleichzeitig der Import anderer ausländischer Waren (Smartphones, Autos, … ) erschwert, so dass der Kleiderimport in erster Linie andere Importe verdrängt. Wird die Außenhandelsbilanz nicht durch Exporte (Erdöl, Coltan, Blutdiamanten) ausgeglichen, wird sogar ein Punkt erreicht, wo der Kostenvorteil importierter Kleidung völlig verschwindet und die heimische Produktion wieder konkurrieren kann. Viele Ökonomen gehen sogar davon aus, dass große Teile der Textilindustrie nach Afrika verlegt werden, weil einige asiatische Länder zu teuer geworden sind. Die Voraussetzung für diesen Mechanismus ist das Bestehen einer flexiblen Währung, die nicht durch staatliche Bestimmung einen festen Wechselkurs zu einer harten Währung hat. Auch kann ein Ressourcenfluch die eigene Währung zu stark stützen und so die Entwicklung andere exportorientierter Branchen verhindern (Ölexport Nigerias). Während also ein Kleiderimport zum Nulltarif immer zu einem Zugewinn an Wohlfahrt der Bevölkerung führt, ist ein Kleiderimport, der Devisen außer Landes befördert, nicht in jedem Fall hilfreich. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um gebrauchte oder neue Kleidung handelt. Die lokale Regierung kann gegebenenfalls (in den seltensten Fällen hilfreich) protektionistische Maßnahmen verordnen. Eine Einstellung des Exports von Europäischer Seite würde in erster Linie asiatische Exporte nach Afrika begünstigen und durch Verknappung den Preis nach oben treiben - zu Ungunsten der afrikanischen Bevölkerung (die dann mit höheren Preisen zu kämpfen hätten).

Kleidung und Geflügel

Neben Kleidung nehmen oft auch landwirtschaftliche Exporte aus Europa oder den USA eine vergleichbare Stellung ein. Grundsätzlich ist der Mechanismus der gleiche: In direkter Folge ein Wohlfahrtsgewinn bei den Konsumenten durch finanzielle Einsparung bei gleichem Konsum, ein Wohlfahrtsverlust bei den Produzenten und ein Abfluss von Devisen ins Ausland - der den Wechselkurs der Währung drückt und dadurch für andere Branchen exportbegünstigende Effekte entfalten kann. Leider kommen die exportbegünstigenden Effekte in vielen Ländern nicht zum tragen, da die Landeswährungen künstlich überbewertet sind (Angola hat die weltweit am stärksten überbewertete Währung), um die Kaufkraft der Bevölkerung für ausländische Produkte zu verbessern. Im Gegensatz zur Kleiderindustrie ist das invasive Potential bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen stärker begrenzt. Da über die Hälfte der afrikanischen Landwirtschaft als Subsistenzwirtschaft betrieben wird (lokaler Tauschhandel von Waren ohne Geld, nur kleinste Mengen werden gegen Geld verkauft), bestehen bei einem wesentlichen Teil der Gesellschaft nicht die finanziellen Möglichkeiten, günstige landwirtschaftliche Erzeugnisse aus Europa zu erwerben. Die europäischen Landwirtschaftssubventionen in der EU führen nicht nur zu günstigen Exporten nach Afrika, sondern erschweren zusätzlich den Export afrikanischer Produkte nach Europa. Die hohen landwirtschaftlichen Subventionen in Europa drücken also sowohl das Einkommen, als auch die Lebenshaltungskosten der afrikanischen Bevölkerung. Eine Verringerung der Landwirtschaftssubventionen in Europa wäre vor allem hilfreich, um afrikanischen Landwirten den Export ihrer Produkte zu erleichtern. Der Erlös würde Rationalisierungsmaßnahmen in der Landwirtschaft ermöglichen und könnte so zu konstantem Wachstum führen. Das Problem besteht aus meiner Sicht an dieser Stelle nicht im Export nach Afrika, sondern im fehlenden Import aus Afrika. Auch gibt es weitere Probleme, die hier nicht vollumfänglich beleuchtet werden können. Beispielsweise kann ein stark fluktuierendes Angebot aus Europa stark genug sein, um die heimischen Erzeuger in die Knie zu zwingen, bei einem Wegfall des Exports dann aber eine Mangelsituation hinterlassen, die die Bevölkerung in Mitleidenschaft ziehen würde und wohl als Wohlstandskiller betrachtet werden muss.

Fazit

Bei genauerem Hinsehen ist der Krieg der europäischen Linken und der Medien gegen Exporte nach Afrika kaum nachvollziehbar. Offensichtlich besteht bei Reportern die Auffassung, eine Steigerung des Wohlstandes in Afrika müsste ohne eine Senkung der produktionsmengenbezogenen Lohnkosten durchführbar sein. Dass der wirtschaftliche Aufschwung in allen anderen Staaten diesen Weg gegangen ist, scheint dabei nicht relevant zu sein. Dass ein Wohlstandszuwachs immer auf einer Veränderung von Kapitalströmen fußt und die bitter benötigte Effizienzsteigerung stets zu einer Reduktion des Arbeitsbedarfs führt, hat zur Folge, dass sich immer jemand finden lässt, der von Veränderung zunächst negativ betroffen ist. In “Dokumentationen” von ARTE sieht man beispielsweise oft den Markt, auf dem europäisches Geflügel verkauft wird und hört in Interviews die Leidensgeschichten der betroffenen Produzenten, selten kommen dagegen die Konsumenten, die von der Kostensenkung profitieren, zu Wort. Auch wenn der europäische Export nach Afrika an verschiedenen Stellen zu strukturellen Problemen geführt hat, scheint der Handel für die breite Masse der afrikanischen Bevölkerung durchaus positive Effekte zu haben. Notlagen entstehen vor allem dort, wo durch staatliche Intervention verzerrte Marktsituationen erhalten werden, beispielsweise durch Überbewertung der lokalen Währung, die Importe begünstigt und Exporte behindert. Mehrere Afrikanische Staaten haben es in den letzten Jahren geschafft, beachtliche Wachstumsraten zu verzeichnen. Das Land Simbabwe, das den Import gebrauchter Kleidung aus Europa komplett verboten hat, gehört leider nicht dazu. Die Probleme der Afrikanischen Wirtschaft sind vielfältig, jeder monokausale Erklärungsansatz wäre unseriös. Auch wenn eine Reduktion der europäischen Landwirtschaftssubventionen eine effizientere Allokation von Ressourcen ermöglichen würde, hängen die meisten Probleme mit Fehlentscheidungen und Korruption der lokalen Regierungen zusammen. Afrikas Bevölkerung den Zugang zu preiswerten Textilien aus Europa zu verwehren würde den Wohlstand in Afrika wohl kaum steigern, sondern der Afrikanischen Bevölkerung eine zusätzliche finanzielle Bürde auferlegen.

Denkzettel

Als jemand, der täglich im Web surft, täglich Links an Freunde verschickt, täglich Links von Freunden öffnet und täglich seine Meinung im Netz mit anderen teilt, habe ich mich zunehmend über den viel zu statischen Charakter großer Teile des Web geärgert.

Pretium

Als ich im Frühjahr 2016 ein Gammaspektroskop kaufen wollte, stand ich vor einem bekannten und verhassten Problem: Obwohl das Internet den Ruf genießt, das Fenster zum Wissen der Menschheit zu sein, findet man leider auch oft so triviale Informationen wie simple Produktpreise nicht im Web.